„Wir haben hier sogar schon schnelles Internet“

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Ein Leben in der Stadt gegen ein Leben auf dem Land tauschen? Für ehemalige Dorfkinder vielleicht ein leichtes, für eingesessene Stadtfamilien wohl eher nicht. Oder doch? Die Ex-Berlinerin Friederike konnte sich ihr Leben auf dem Land anfangs auch nicht wirklich vorstellen, möchte es mittlerweile aber nicht mehr missen. Wie sie auf’s Land kam, was sie daran schätzt und warum sich ein Landleben lohnt, erzählt sie euch hier.

Huhn

Ein eigenes Huhn? Für Friederike längst Alltag.

Landleben? – So geht’s!

Bei Friederike ist der Name Programm: Ihr Blog landlebenblog.org versorgt ihre Leser mit Infos – wie sollte es auch anders ein – rund um das Leben auf dem Land. Von Interviews mit Berliner-Bloggern über das eigenhändige Fischen des Abendessens bis hin zu Menschen aus ihrer derzeitigen ländlichen Nachbarschaft – die Journalistin verschafft auf ihrem Blog einen Eindruck davon, was es heißt, von der Stadt aufs Land zu ziehen und was einen dort erwarten kann. Wir haben Friederike für euch Löcher in den Bauch gefragt, um zu erfahren, was sie dazu bewegt hat, die Stadt zu verlassen und wie das Leben zwischen Hühnern und Acker so läuft.

Dorfrand

Der Blick auf den Dorfrand am Morgen entschädigt einen nicht so gelungen Tag mehr als nötig.

Wieso auf’s Land?

Verlassen hat Friederike ihr geliebtes Berlin ganz einfach auf Grund des Jobs. „Ich suchte eine neue Herausforderung und mein zukünftiger Chef suchte einen Hörfunk-Korrespondenten für den badischen Odenwald. Damals wusste ich weder, was noch wo dieser Odenwald wohl sein könnte. Aber ich war neugierig.“ Sie wälzte Landkarten, fuhr hin, schaute sich alles an und verliebte sich schließlich in ihr zukünftiges Zuhause und blieb „neugierig auf ein Leben, das so ganz anders sein würde als alles, was ich bisher kannte.“ Draußen im Garten auf den Feldern und im Wald fühlte sich die Bloggerin gleich zuhause: „So, als hätte ich genau das jahrzehntelang vermisst: Den weiten Himmel und die weite Landschaft. Der Geruch von nasser Erde und Kamille.“

Stall

Auch mit dem Stallausmisten hat sich Friederike mittlerweile angefreundet.

Schwierigkeiten im Alltag

In ihrer ersten Zeit fühlte sie sich schon ein wenig fremd und bis heute wird Friederike das Gefühl nicht los, hin und wieder in verwunderte und erstaunte Gesichter zu blicken, wie sie, wo sie doch schließlich aus der Stadt kommt, sich überhaupt in einem so kleinen Ort wohlfühlen kann: „Ich fühlte mich manchmal wie der Marsmensch, der unvermittelt auf der Erde landet. Ich war eine Fremde, die sich in einem gut organisierten, eingespielten Mikrokosmos wiederfand. Bestaunt, beäugt. Nicht feindselig, sondern verwundert, überrascht. Wie kann so eine sich hier wohlfühlen bei uns? (…) Aber man lernt, damit umzugehen. Als Journalistin kenne ich die Rolle des Zaungastes ja gut.“

Huehner

Ein Hahn und seine Hühner – so wie sich das auf dem Land gehört!

Ein bisschen Sehnsucht

Aber natürlich vermisst Friederike hin und wieder Dinge, die sie in der Stadt so geliebt hat „Das coole kleine Café an der Ecke. Die nette Espressobar mit der freundlich-lässigen Bedienung. (…) Und ganz manchmal vermisse ich den Geruch von Berliner Asphalt nach einem Regenguss.“ Aber es gibt auch Sachen, auf die die Selbstversorgerin mittlerweile gut und gerne verzichtet wie, „(…) Gedränge und Geschiebe. Die Hektik. Die Aggressivität. Die schlechte Luft. Die schlechte Laune. Die Stadt-Schickis, die sich – so wie ich früher – für was Besseres halten.“ Statt sich über die städtische Hektik aufzuregen, versorgt sie mittlerweile lieber ihre Hühner, die sich offensichtlich sehr wohl bei ihr fühlen:

Ganz anders als man selbst

Manchmal denkt Friederike darüber nach, warum sie den Eindruck hat, dass die Menschen im Odenwald so ganz anders sind als sie und hat folgende Vermutung: „Letzten Endes – glaube ich – läuft alles auf das Selbstbewusstsein raus: Ich lebe hier in einer Region, die über Jahrhunderte bitterbitterarm war und es zum Teil bis heute ist. Das prägt die Menschen und den gefühlten Selbstwert. Und hat mich – als großmäulig-selbstbewusste Berlinerin – in den ersten Jahren manchmal zur Verzweiflung gebracht. Mein Erweckungserlebnis hatte ich bei einem Besuch des Heimatmuseums. Da versteht man plötzlich vieles. Kann ich nur empfehlen.“

Landschaft

Weite Felder und diese schöne Stille, ist was die Bloggerin am Land so liebt.

Entspannt, still, weltfremd?

Die Stille unter der Woche genießt die Ex-Berlinerin sehr und am Wochenende macht sie selbst mit der Wippsäge Rabatz. Als einen friedlichen Ort empfindet sie ihre jetzige Heimat den Odenwald und will so gar nicht verstehen, warum manche Leute das Leben auf dem Dorf als „weltfremd“ abstempeln: „Wir haben hier sogar schon schnelles Internet, 50.000er, ja, da staunt ihr! So ganz weg von der Welt sind wir also gar nicht. Und vielleicht sind ja – umgekehrt gedacht – die Städter welt-fremd? Die wissen nicht mal, wie das Getreide für ihr täglich Brot wächst. Die können Ochs und Stier nicht unterscheiden.“ WIR also – scheint so als hätte sich Friederikes anfängliches Fremdheitsgefühl zum Guten gewandelt.

Stall ausmisten

Man sollte wissen, wo sein täglich Brot herkommt – auch als Städter.

Vorurteile weg?

Für alle vorurteilsbehafteten Stadtleute hat sie auch noch einen kleinen Hinweis: „Kultur vermisse ich nicht. Die gibt’s hier nämlich auch, man höre und staune, Ende der Welt hin oder her. Man muss nur ein bisschen suchen, dann findet man mitunter echte Perlen. Oder man organisiert einfach selber was. So gesehen animiert einen die Provinz mitunter zur Eigeninitiative. Ist ja auch nicht verkehrt.“

– In diesem Sinne: Rauf aufs Land!

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Friederike für das Interview und die schönen Bilder!

Bilder: © F. Kroitzsch/ http://landlebenblog.org/

 

 

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